Warum sind Schmerzen bei Katzen so schwer zu erkennen?
In freier Natur wäre eine sichtbar leidende Katze leichte Beute. Dieses Erbe steckt bis heute in unseren Wohnzimmertigern: Selbst mit deutlichen Schmerzen wirken viele Katzen auf den ersten Blick völlig normal. Dass etwas nicht stimmt, fällt den meisten Haltern erst spät auf.
Die Hinweise stecken im Verhalten. Eine Katze, die nicht mehr auf die Arbeitsplatte springt, obwohl sie das jahrelang getan hat. Eine Katze, die sich kaum noch putzt oder umgekehrt ständig an derselben Stelle leckt. Die zusammengekauerte „Meatloaf"-Haltung mit angespannter Bauchdecke. Und manchmal landet das Geschäft plötzlich neben dem Klo, weil das Hineinsteigen wehtut.
Wie der BEAP Pain Score für Katzen funktioniert
Hinter der Skala steht BluePearl Pet Hospice, eine amerikanische Tierklinik-Gruppe für Hospiz- und Palliativmedizin. Für Katzen gibt es eine eigene Fassung, weil katzentypisches Schmerzverhalten mit Hunde-Kriterien schlicht nicht zu fassen ist. Bewertet werden diese acht Bereiche:
- B — Atmung: ruhig vs. erhöhte Atemfrequenz, evtl. offenmäulige Atmung
- E — Augen: klar und aufmerksam vs. teilweise/ganz geschlossen, weite Pupillen, panischer Blick
- A — Sprungverhalten / Bewegung: agil vs. Sprünge vermeiden, gar nicht mehr aufstehen
- A — Aktivität: Spielen, Putzverhalten, Verstecken, Toiletten-Unfälle
- A — Appetit: normaler Appetit vs. wählerisch, Verlust
- A — Verhalten: verspielt vs. zurückgezogen, knurrend/fauchend, aggressiv
- P — Körperhaltung: entspannt vs. „Meatloaf"-Position, aufgeplustertes Fell, „Grimace Face"
- P — Berührungsreaktion: entspannt vs. Wegziehen, Knurren, Fauchen, steife Körperspannung
Pro Kategorie wählen Sie die Stufe, die Ihre Katze gerade am besten beschreibt. Die Skala läuft von 0 (keine Schmerzen) bis 9–10 (schwerste Schmerzen), dazwischen liegen vier Abstufungen.
Was bedeutet das Ergebnis?
- 0 — Keine Schmerzen: Aktuell keine Anzeichen. Bei nächster Vorsorge gern ansprechen.
- 1–2 — Leichte Schmerzen: Beim nächsten Termin tierärztlich besprechen.
- 3–4 — Mittlere Schmerzen: Termin zur Abklärung vereinbaren.
- 5–6 — Mittel- bis hochgradige Schmerzen: Bedenklich. Bitte zeitnah vorstellen.
- 7–8 — Starke Schmerzen: Sehr bedenklich. Bitte umgehend vorstellen.
- 9–10 — Schwerste Schmerzen: Notfall. Sofort Praxis oder Notdienst anrufen.
Hinweise zur Beobachtung bei Katzen
- Beobachten Sie zuhause, nicht beim Tierarzt. In der Praxis verstecken viele Katzen ihre Schmerzen erst recht.
- Maßstab ist das gewohnte Verhalten genau dieser Katze. Eine Couch-Katze, die nie gesprungen ist, bekommt fürs Nicht-Springen natürlich keinen Schmerzpunkt.
- Die verräterischsten Hinweise sind unscheinbar: das Klo wird gemieden, die Lieblings-Fensterbank bleibt leer, das Fell wirkt struppiger als sonst.
- Bei Verdacht auf Arthrose lohnt es sich, über mehrere Tage zu dokumentieren. Einzelne Momentaufnahmen täuschen leicht.
- Notieren Sie auch, wann und wobei Ihnen etwas auffällt. Tageszeit, Bewegung, Körperregion: Mit solchen Angaben können wir in der Sprechstunde viel gezielter untersuchen.